«Das Tier hat ein fühlendes Herz wie du. Das Tier hat Freude und Schmerz wie du. Das Tier hat einen Hang zum Sterben wie du. Das Tier hat ein Recht zu leben wie du.»
(Peter Rosegger)

Fischschwarm Nico pixelio 470

Im Jahr 1950 bevölkerten etwa 2,5 Milliarden Menschen die Erde, heute sind es 7, und damit ist auch der Bedarf an Fischen gestiegen und steigt weiter. Trotz modernster Technik und Fortschritts innerhalb der letzten Jahrzehnte haben wir es immer noch nicht gelernt, mit den Ressourcen der Erde nachhaltig umzugehen. Innerhalb weniger Jahre hat es die Menschheit geschafft, die maritimen Fischbestände auf ein Bruchteil zu minimieren. Der Grund: die ungezügelte Gier nach Fisch.

Noch in den 50er Jahren war Überfischung gar kein Thema. Der Ozean schien eine Quelle unermesslichen Fischreichtums zu sein, aus der man unbegrenzt schöpfen könne. 60 Jahre später hat sich nach Angaben von Greenpeace Schweiz die Fangquote verfünffacht. Heute gelten nach offiziellen Aussagen der FAO etwa 57 Prozent der maritimen Fischbestände als bis an die biologische Grenze befischt und 30 Prozent als überfischt; in den europäischen Gewässern sind es sogar 47 Prozent (Stand 2012) - wobei bei dieser Einschätzung zu berücksichtigen ist, dass nur die Zahlen von 35 untersuchten Fischbeständen zugrunde gelegt wurden. Die Anzahl der Fischbestände, deren Populationen extrem dezimiert oder gar ausgefischt wurden, könnten demnach noch wesentlich höher sein. Besonders bedroht sind u.a. Thunfischarten, Schwertfisch, Hai, aber auch Rotbarsch, Scholle und Nordseekabeljau.


Fischessen gilt als chic, lecker und gesund. Angehörige von Gesundheitsberufen und auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfehlen immer noch und ohne Rücksicht auf die globalen Folgen für unsere Nachkommen den Verzehr von mindestens zwei Fischmalzeiten die Woche. Sollte dieser derzeitige Trend des Fischessens sich nicht umgehend umkehren, sehen Wissenschaftler allerdings schwarz: Sie prognostizieren die Auslöschung aller befischbaren Arten bis zum Jahr 2050.

Laut FAO-Report wurden im Jahr 2011 offiziell etwa 80 Mio Tonnen Fisch gefangen und etwa 52. Mio Tonnen Fisch in Aquakulturen aufgezogen. Und der Fischkonsum steigt weiter: Für das Jahr 2013 erwarten die Autoren des „Biannual Report on Global Food Markets“ eine Steigerung des pro Kopf-Verbrauchs von 19,2 Kilogramm (2012) auf 19,7 Kilogramm, das sind dann insgesamt 161 Mio Tonnen. Vor etwa 60 Jahren betrug die jährliche Fischausbeute nur etwa 10 Mio Tonnen. Die steigende Nachfrage nach Fisch wird u.a. auch Schwellenländern wie China zugeschrieben.

Auch die Deutschen sind eifrige Fischesser: Durchschnittlich verzehrte im Jahr 2012 jeder Deutsche 15,2 kg Fisch, davon 10,1 kg Seefisch, 3,3 kg Süßwasserfisch und 1,8 kg Krebs- und Weichtiere. Die fünf beliebtesten Fischsorten der Deutschen sind Alaska-Seelachs gefolgt von Hering, Lachs, Thunfisch und Pangasius. Die Ausgaben der Haushalte für Fisch und Meeresfrüchte wurden für das Jahr 2012 vom Fisch-Informationszentrum e.v. mit 3,3 Milliarden beziffert. Damit wurde eine neue Höchstmarke erreicht. Die deutsche Fischindustrie ist ein Milliardengeschäft: 2012 stellte sie 481.548 Tonnen Fischerereierzeugnisse her und erzielten einen Umsatz von 2,18 Milliarde Euro.

 

Schonungslose Fangmethoden

Ökologische Aspekte spielen bei der industriellen Befischung nur eine untergeordnete Rolle. Modernste Fangmethoden via Schleppnetze, Treibnetze, Langleinen machen heutzutage die enorme Fischausbeute überhaupt möglich. Mittels  GPS und Sonar können Fischschwärme mittlerweile in den letzten Winkeln geortet und gefangen werden.

Die Schleppnetzfischerei steht hier besonders in der Kritik, weil hierbei etwa 80 bis 90 Prozent Beifang in Kauf genommen wird, um die erzielte Fangquote zu erreichen. Neben zahlreichen Jungfischen gelangen u.a. auch Wale und Delfine ins Netz. Ein Schleppnetz kann eine Öffnung im Ausmaß von 23.000 Quadratmetern haben, das sind etwa vier Fußballfelder; darin haben dann 500 Tonnen Fisch Platz. Schleppnetze werden vor allem im Nordatlantik eingesetzt, um Thunfisch, Barsch, Hering oder Markrelen, Pferdemakrelen und Anchovis zu fangen. in der Nord- und Ostsee werden Schleppetze zum Fang von Nord- und Ostseegarnelen eingesetzt.

Besonders zerstörerisch sind die Grundschleppnetze. Sie kommen in 100 bis 1500 Meter Tiefe zum Einsatz und werden von verschiedenen Umweltschutzorganisationen abgelehnt, weil bei dieser Fangmethode der Meeresboden und die darauf lebenden Wesen zerstört werden. Grundschleppnetze verwendet die Grundschleppnetzfischerei für den Fang von Scholle, Seezunge, Plattfischen und Krebstieren.

Ähnlich zerstörerisch sind so genannte Baumkurren. Die Netzöffnung gleitet hier auf Kufen auf dem Meeresboden. Eisenketten, die zwischen den Kufen angebracht sind, scheuchen die Lebewesen auf dem Meeresboden auf. Die Fische sollen so in das Netz getrieben werden. Nach Einschätzung von Experten wird die südliche Nordsee so jährlich fünf mal regelrecht „umgepflügt“. Nicht nur, dass so der Meeresboden zerstört wird, der Beifang ist auch bei dieser Fangmethode enorm: Pro Kilo Seezunge sollen 10 kg Beifang, pro Tonne Shrimps 15 Tonnen Beifang in Kauf genommen werden.

Bei der Langleinenfischerei werden an einer Hauptleine, die auch zahlreiche Nebenleinen hat, mit unzähligen Köderhaken angebracht. Eine Langleine kann bis zu 130 km lang sein und mit mehr als 20.000 Köderhaken versehen sein. Als Köder werden wiederum Fisch oder Tintenfisch verwendet, in Südamerika, z.B. Peru, wird u.a. auch Delfinfleisch auf die Haken gespießt. Jährlich werden insgesamt 1,4 Mrd. Haken, die mit Fisch bestückt sind, ausgebracht. Bei dieser Art der industriellen Hochseefischerei sollen wertvolle Speisefische, u.a. Thunfisch, Schwarzer Seehecht, Schwertfisch, Heilbut oder Kabeljau, befischt werden. Auch hier entsteht eine sehr hohe Beifangrate. Sie soll nach Angabe der FAO von 2005 bei durchschnittlich 20 Prozent der Gesamtmenge gelegen haben. Zahlreiche Fische, die man nicht fangen möchte, wie Haie und Rochen, aber auch Meeresschildkröten und Seevögel wie Albatrosarten fallen jährlich der Leinenfischerei als Beifang qualvoll zum Opfer.

 

Fangquoten, die ausschließlich für die Fischindustrie nützlich sind

Politisch festgelgte Fangquoten sollen eigentlich für die Fischereiindustrie richtführend sein, um die Fischbestände zu schützen. Für Deutschland und für die gesamte Union werden die Fangquoten auf EU-Ebene beschlossen. Leider liegen die von den Politikern festgelegten Fangquoten meist weit über den sinnvollen Fangquoten, die Experten der Fischereiwissenschaft berechnen. Der WWF Deutschland beklagt, dass die europäischen Fischereiminister bei der Festsetzung der Fangquoten die Empfehlungen, die von Seiten der Wissenschaftler ausgesprochen werden, seit Jahren außer Acht lassen. Die Politiker würden kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen den Vorrang geben und so die Überfischung legalisieren. Von 2003 bis 2011 seien dadurch europaweit sechs Millionen Tonnen Fisch mehr gefangen worden, als vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) empfohlen.

Nach Recherche von WWF lagen die genehmigten Fangquoten etwa 45 Prozent über den Empfehlungen, die Wissenschaftler des ICES abgegeben hatten. So beschwert sich der WWF auch, dass zwischen den Jahren 2003 und 2007 in der Nordsee knapp 65.000 Schollen mehr gefischt wurden, als die Experten des ICES als sinnvoll bedacht hatten. Die Befischung der Schollen lag damit 13mal über den Empfehlungen des ICES für das Jahr 2012.

Beim Blauflossen-Thunfisch führte die Bevorzugung wirtschaftlicher Interessen gegenüber ökologischen Überlegungen zu einem Fiasko: Im Jahr 2007 lag die offizielle Fangquote des Blauflossen-Thunfisches für den Ostatlantik und das Mittelmeer bei 28.500 Tonnen, tatsächlich gefischt wurden nach Schätzungen der ICCAT (Internationale Konvention für die Erhaltung der Thunfischbestände im Atlantik) etwa 61.000 Tonnen. Obwohl die ICCAT seit Jahren auf die drohende Gefahr der Überfischung für den Blauflossen-Thun aufmerksam macht und eine wesentlich höhere Einschränkung der Fangquote fordert, wurde erst drei Jahre später die Fangquote auf 13.500 Tonnen verringert. Inzwischen hatten aber die Meeresbiologen der ICCAT errechnet, dass selbst bei einer Fangquote von 8.000 Tonnen im Jahr, sich die Bestände nur mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit erholen. Soweit ein Bericht von Greenpeace, der aufzeigt, dass die Europäische Union nicht in der Lage ist, ihre Fischbestände nachhaltig zu befischen.

Die Bestände des Blauflossenthunfisches, auch Roter Thunfisch genannt, sind im Mittelmeer seit viel Jahren rückläufig. Heute schwimmen etwa nur noch ein Fünftel so viel Thunfische im Mittelmeer wie noch vor 20 Jahren. Die Nachfrage nach dem Sushi-Fisch boomt, insbesondere in Japan: Kostet in Spanien das Kilo 5 Euro, wird es in Japan für 500 Euro verkauft.
Auch die Aufzucht von Thunfisch in Aquakulturen lässt die Thunfischbestände mehr schrumpfen als wachsen: Nach Aussage von Greenpeace wird die legale Fangquote, um die Zuchtkäfige mit Jungfischen zu bestücken, um 60 Prozent überschritten.

 

Aquakulturen kurbeln die Überfischung an

Um die steigende Nachfrage nach Fisch zu decken, werden immer mehr Fische auf engstem Raum, in so genannten Aquakulturen, gezüchtet und gemästet, das betrifft aber nicht nur Thunfisch. Heute werden etwa die Hälfte der weltweit konsumierten Süßwasser- und Meerwasserfische in Aquakulturen erzeugt. Das Problem dabei: Um ein Kilogramm Fisch aus marinen Aquakulturen zu produzieren, müssen fünf Kilogramm Meeresfische verfüttert werden, so die Aussage von Rainer Froese vom Leibnitz Institut für Meereswissenschaften aus Kiel. Er beklagt, dass inzwischen 30 bis 40 Prozent der weltweiten Fischfänge ausschließlich als Futtermittel für Zuchtfische verwendet werden.
Bei Thunfisch ist die Ökobilanz lt. Greenpeace noch dramatischer: Für jedes produzierte Kilogramm Thunfisch werden 15 bis 20 Kilogramm Futterfisch verfüttert. Thunfische können im Übrigen nicht gezüchtet werden, sondern werden lebendig dem Meer entrissen und zur Mast in enge Käfige gesperrt.

Aquakulturen belasten die Umwelt zudem sehr stark. Chemikalien, Medikamente wie Antibiotika, Fischkot und Nahrungsreste etc. verseuchen oftmals das umliegende Gewässer wie Flüsse oder auch das Meer. Der Großteil der Aquakulturen wird direkt im Meer angelegt, z.B. für die Aufzucht von Lachs oder Thunfisch. Da die Tiere in engstem Raum gehalten werden, sind diese extrem krankheitsanfällig und werden entsprechend mit Antibiotika und Pestiziden behandelt. 

In asiatischen Ländern wie China, Indonesien und Bangladesh liefert Zuchtfisch einen großen Teil des konsumierten Eiweißes. Im Jahr 2011 wurden weltweit fast 80 Mio. Tonnen Meeresfische und Meeresfrüchte in Aquakulturen gezüchtet. Heute kommen etwa 61 Prozent der weltweiten Fischproduktion aus Aquakulturen aus China.

Im Mittelmeer ist Griechenland mit 11.000 Zuchtfarmen der größte Erzeuger von Zuchtfisch, aber auch im gesamten Mittelmeer blüht die Fischzucht aus Aquaklultur. Meeresbiologen sind davon weniger begeistert. In einer Sendung der Serie Plusminius vom Juli 2013 beklagten griechische Meeresbiologen, dass sich die Meerwasserqualität in den Gebieten, wo Aquakultur betrieben wird, dramatisch verschlechtert habe. Das Neptungras - die grüne Lunge des Mittelmeers - suche man vergebens, es wurde durch die überdüngten Meeresböden verdrängt.

Der WWF hat im Jahr 2012 einen Einkaufsratgeber für den Kauf von Fischen herausgebracht. Darin werden die verschiedenen Seefische beschrieben und in drei Kategorien eingeteilt, und zwar in „gute Wahl“, „zweite Wahl“ und „lieber nicht“. Der Ratgeber soll den Verbraucher darüber aufklären, welche Fische man noch guten Gewissens essen könne und welche nicht, da sie sehr stark überfischt sind.

Man solle jetzt, wenn man Fisch essen möchte, auf die verbliebenen Fischsorten zurückgreifen, die noch nicht stark dezimiert sind. Leider ist abzusehen, dass dieser Ratschlag, vermehrt die gesunden Bestände zu verzehren, unweigerlich zu einer Überfischung der letzen verbliebenen Arten führt. Ganz gleich, ob man sich bei der Kaufempfehlung anhand eines Fischratgebers orientiert oder nicht, und egal, welches Umweltsiegel die Verpackung des Fisches ziert - MSC, ASC oder Bio: Jeder, der Fisch isst, trägt durch seine Entscheidung, Fisch zu essen, an der globalen Überfischung bei.


Referenzen:

  • wwf.de: Überfischung: Bald drohen uns leere Meere
  • Reset.org, 19.06.2013: Überfischung der Meere
  • Taz.de, 17.07.2013: Der Preis, der zum Himmel stinkt
  • Fischinfo.de, 02.09.2013: Fischabsatz 2012: 15,2 kg Pro-Kopf-Verbrauch bestätigen stabilen Konsumtrend
  • Fisch Wirtschaft, Daten und Fakten 2013, Fisch-Informationszentrum e.V.
  • greenpeace.org: Baumkurren
  • wikipedia.de: Langleinenfischerei
  • wikipedia.de. Schleppnetzfischerei
  • fr-online.de, 14.12.2012: Von Amts wegen überfischt
  • Greenpeace.org, 27.02.2012: Blauflossenthunfisch bald für immer verschwunden
  • Worldoceanreview.com: Aquakultur – Proteinlieferant für die Welt
  • WWF.de: Fischerei den Raubbau stoppen
  • daserste.de: Aquakulturen: Riskante Fischzucht

Autor: Karin Großhardt

Aus dem Archiv

Antibiotikaresistenz

Petrischale Cornelia Menichelli pixelio 200

Gefahr von Antibiotikaresistenz durch Tierhaltung

Im Februar 2005 kam die Meldung in den Zeitungen, dass „...die Sepsis (der Volksmund sagt dazu auch Blutvergiftung durch Bakterien) die dritthäufigste Todesursache in Deutschland ist“ (Dr. Brunkhorst vom Kompetenznetz Sepsis in Deutschland). Somit fordert die Sepsis mehr Todesopfer als Brust- oder Darmkrebs.

Bereits 3 Monate vorher sagte Dr. med. Pitten, Leiter des Bereiches Hygiene und Umweltmedizin am Würzburger Institut für Hygiene und Mikrobiologie, in einer Würzburger Tageszeitung: „Man müsste generell den Einsatz von Antibiotika beschränken. Die werden aber zum größten Teil nicht beim Menschen eingesetzt, sondern tonnenweise in der Massentierhaltung“. Im Juli 2005 wurden 2 Studien zum Thema Antibiotikaresistenzen (d.h. Antibiotika wirken nicht mehr) in einer Arbeit des Fogarty International Center in Bethesda, USA, publiziert. Es wurde von amerikanischen Wissenschaftlern die Auswirkung von Risikofaktoren für die Entwicklung resistenter Bakterien vorgenommen.

Weiterlesen ...
Zum Seitenanfang